Finanzielle Freiheit: Ohne Sparquote von 50 Prozent kaum zu schaffen

50 Prozent Sparquote
50 Prozent Sparquote

Zuerst die gute Nachricht: Die meisten informierten Menschen wollen heute nicht mehr zwingend schnell reich werden. Langsam reicht auch. Das ist ebenso erfreulich, wie vernünftig. Doch ist es überhaupt realistisch? Hier kommt die schlechte Nachricht ins Spiel: Für die meisten Menschen vermutlich nicht. Es scheitert an der dafür notwendigen Sparquote.

Die Headline hat es im Grunde schon vorweggenommen. Ohne (auf den ersten Blick) brutale Sparquote wird es höchstwahrscheinlich nichts mit der finanziellen Unabhängigkeit, die einen den erwünschten Vorruhestand ermöglicht. Und dieser ist ja schließlich das Ziel. Oder? Ja, natürlich. Das nehme ich bei allen Lesern dieses Blogbeitrags zumindest an.

Für alle jene, die jetzt weiterlesen (danke dafür) sei der Form halber noch erwähnt: Eine Reise besteht nicht ausschließlich aus dem Ziel. Sondern vielmehr aus allem, was zwischen diesem und dem Start liegt. Und genau dieser Start ist extrem wichtig. Und deshalb gilt es auch hier anzusetzen.

 

Die Arithmetik der finanziellen Unabhängigkeit

Schauen wir uns zunächst an, wie schnell die finanzielle Unabhängigkeit grundsätzlich erreicht werden kann. Die Spannweite geht von “extrem schnell” bis “niemals”. Der entscheidende Faktor ist die Sparquote. Sparquote? Wikipedia klärt auf:

 

Mit Sparquote bezeichnet man in der Volkswirtschaftslehre eine volkswirtschaftliche Kennzahl, die den Anteil der nicht ausgegebenen Einkommen wiedergibt.

 

Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Wer eine Sparquote von 0 Prozent aufweist, der wird die finanzielle Unabhängigkeit niemals erreichen. So einfach ist das.

Nachdem wir jetzt geklärt haben, wie es nicht geht, schauen wir uns an, wie es sehr wohl funktionieren kann. Beziehungsweise wie lange es bei diverse Sparquoten dauern wird. 

Bei den nun kommenden Zahlen beziehe ich mich auf diesen Beitrag von US-Star-Blogger Mr. Money Mustache und eine von ihm erstellte Vorruhestands-Tabelle. Ich habe diese gewählt, weil sie realistische Grundannahmen hat:

  1. Die zu erzielende Rendite liegt bei 5 Prozent nach Inflation.
  2. Im Vorruhestand orientiert man sich an der 4 Prozent Regel, jedoch mit etwas Flexibilität
  3. Die Grundannahme ist, dass das Kapital für immer halten soll. Schließlich kann sich der Ruhestand auf 70 Jahre oder mehr ausdehnen.
  4. Die Rechnung bezieht sich darauf, dass man mit 0 Euro Kapital startet.

 

Wäre das also geklärt, legen wir los. Hier die Tabelle.

 

Tabelle: Sparquote - Finanzielle Freiheit
Tabelle: Sparquote – Finanzielle Freiheit

 

Was verrät uns diese Tabelle nun? So manches – zum Beispiel: Legt man 5 Prozent des Einkommens weg, dann dauert es ungefähr ein Erwerbsleben lang, bis man am Ziel angekommen ist. Allerdings nur, wenn man ab dem Tag seiner Geburt arbeitet. Nämlich 66 Jahre

Verdoppelt man die Sparquote nun auf 10 Prozent, sind es immer noch knapp 51 Jahre, bis man es geschafft hat. Was auf den ersten Blick auffällt: Nur weil man die Sparquote verdoppelt, heißt das nicht, dass sich die Zeit zur finanzielle Unabhängigkeit halbiert. Aber 15 Jahre wären schon einmal eingespart.

Was können wir mit diesen ersten Erkenntnissen nun anfangen? So hart es sich anhört: Wer es nicht schafft, zumindest 10 Prozent zu sparen/investieren, der wird vermutlich niemals reich werden. Tröstlich ist allerdings, dass man zumindest auch nicht arm sterben wird. Und das ist in der heutigen Zeit schon ein nicht zu verachtender Vorteil.

 

Ab 20 Prozent wird es interessant

Spätestens jetzt werden in den Köpfen der Leser dieses Beitrags vermutlich die ersten wahrnehmbaren Zweifel laut. Schließlich bewegen wir uns nun langsam in jenen Sphären der Sparleistung, welche die Allgemeinheit für völlig realitätsfremd hält. “So viel kann man gar nicht auf die Seite legen”, heißt es dann.

Egal ob man es für realistisch hält oder nicht – schauen wir uns trotzdem an, was unsere Tabelle für eine Sparquote von 20 Prozent ausspuckt: 37 Jahre

Klingt weiterhin nicht gerade nach wenig. Aber wenn man berücksichtigt, dass man sein Ziel mit rund 55 Jahren (unter der Voraussetzung, dass man die Matura/das Abitur mit 18 Jahren absolviert) erreicht haben kann, wirkt das Ganze schon deutlich attraktiver. Insbesondere angesichts einer durchschnittlichen Lebenserwartung jenseits der 80 Jahre und der Tatsache, dass man in absehbarer Zeit auch noch eine staatliche Pension/Rente erhalten wird (man theoretisch also die Substanz in den Jahren bis dahin ein wenig abschöpfen könnte).

Für jene, die vor dem Eintritt in die Arbeitswelt ein Studium abschließen wollen, verschiebt sich die Zielerreichung auf der Zeitachse Richtung 60. Geburtstag. So wirklich früh ist das nicht. Ein zugegeben schwacher Trost: Mit zunehmendem Alter kommt man zur Erkenntnis, dass Menschen um die 50 eigentlich noch ziemlich jung sind. Und die mit 60 noch gar nicht so alt.

Je näher man die Sparquote von 20 Prozent in Richtung der 30 Prozent bewegen kann, desto eher nähert man sich übrigens einem Anspar-Horizont von “nur noch” 30 Jahren. Das hört sich doch schon verlockender an, oder? Vermutlich nicht wirklich. Doch keine Sorge, jetzt wird es spannend.

 

Bei 50 Prozent greift der Turbo Boost

Wir sind nunmehr in der Welt der aktuell erfolgreichsten Finanzblogger (also Frugalisten/Minimalisten) angekommen. Denn: Wer sich im Bereich von Sparquoten von 50 Prozent oder mehr bewegt, der erregt Aufmerksamkeit. Zurecht. Schließlich sinkt die Zeit bis zur finanziellen Freiheit nun auf absolut überschaubare 17 Jahre.

Dauerhaft (und darauf kommt es ja an) die Hälfte von allem wegzulegen, was finanziell reinkommt, ist nicht so einfach hinzubekommen. Hier muss man sich schon ganz bewusst auf kleinen Wohnraum, null Hubraum (kein Auto) und einen grundsätzlich sparsamen Lebensstil festlegen. Oft wird empfohlen, dass man für diese Sparquote ganz einfach den Lebensstil beibehalten soll, den man als Student gepflegt hat. Schreibt sich natürlich leichter, als es auch umzusetzen. Dennoch:

Prominente Beispiele dafür, dass eine Sparquote jenseits der 50 Prozent durchaus in der Praxis zu bewerkstelligen ist, gibt es selbst im deutschsprachigen Raum. Die bekanntesten Vertreter sind gewiss Tim Schäfer und Oliver Noelting.

Wer ihren Blogs folgt – was ich dringend empfehle – merkt schnell, dass Sparsamkeit Teil ihrer Persönlichkeit geworden ist (bzw. immer schon war). Ganz wichtig ist hier anzumerken, dass die finanzielle Genügsamkeit nicht mit Geiz verwechselt werden darf. Zumindest nicht in den Fällen von Tim und Oliver. 

Sie setzen vielmehr auf Frugalismus. Ein Thema, dem ich mich einmal in einem ausführlichen Beitrag widmen werde. Kurz gesagt: Frugalismus ist das Besinnen auf das wirklich Wichtige. Bzw. auf das was wirklich glücklich macht. Ein tolles Konzept, das verhindert, dass einen der permanente Gedanke auf “Verzicht” daran hindert seine finanziellen Ziele zu erreichen.

 

Sparen wie ein Berzerker

Es geht natürlich sogar noch deutlich heftiger als mit 50 Prozent Sparquote. Man kommt dann in den Bereich des Berzerker-Sparens. Ein prominenter Vertreter (auch wenn ich ihn persönlich eher den Frugalisten zuordnen würde) ist Mr. Money Mustache Peter Adeney. 

Mit einer Sparquote von rund 70 Prozent und einem Ingenieurseinkommen hat er die finanzielle Unabhängigkeit innerhalb von weniger als zehn Jahren erreicht. Und damit für sehr viel Medienwirbel gesorgt. Sein Blog ist eine Inspiration. Ebenso wie seine Lebenseinstellung.

 

Zurück zum 50er

Kommen wir nun zurück zur Headline dieses Beitrags. Also zur Sparquote von 50 Prozent. Diese wirkt natürlich zunächst völlig unerreichbar. Doch denken wir noch einmal darüber nach.

Ist es nicht so, dass man in vielen Fällen heute das Doppelte oder sogar mehr verdient, als zum Berufseinstieg? Ich sage ja, das ist so. Auf welchem finanziellen Niveau sich das Ganze abspielt, ist dabei egal (zumindest wenn man die Steuerprogression jetzt einmal außen vor lässt). Und daraus lassen sich durchaus erbauliche Schlüsse ziehen.

Klar, das heißt jetzt natürlich nicht, dass man so mir nichts dir nichts wieder zu seiner alten Kostenstruktur zurückkehren kann. Aber es macht klar, dass es nicht unmöglich ist, mit der Hälfte von dem auszukommen, was man gerade hat. Und ja – ich weiß nur zu gut, dass das Ganze mit Kindern nicht gerade einfach(er) wird.

Dennoch halte ich es für angebracht, über den 50er nachzudenken. Beziehungsweise darüber, wie man sich diesem Niveau möglichst schnell nähern kann.

 

Praxistipp: Wo man ansetzen kann

Die großen Hebel sind hinlänglich bekannt: Wohnen und Mobilität. Heißt, wer wirklich viel erreichen will, der wohnt möglichst preiswert (also klein) und steigt auf die Öffis um.

Wer das jedoch (zunächst) nicht möchte, hat zumindest folgende Möglichkeiten um relativ rasch auf eine 25-prozentige Quote (oder zumindest in die Nähe) zu kommen.

 

  1. Strom– und Gas-Anbieter wechseln
  2. Internet– und Handy-Anbieter wechseln
  3. ALLE Versicherungen checken (brauche ich sie noch?) – danach zum günstigsten Anbieter für gleiche Leistung wechseln
  4. Gegebenenfalls die Bank wechseln (ein Bankkonto sollte kostenfrei sein)
  5. Den Onlinebroker wechseln (ein Depot MUSS kostenfrei sein)

 

Was lässt sich aus finanzieller Sicht dadurch erreichen? Laut Statistik Austria lag das Medianeinkommen in Österreich zuletzt bei 2.105 Euro netto im Monat (inklusive anteiligem Urlaubs- und Weihnachtsgeld). Das heißt: Pro Jahr hat ein Durchschnittsbürger netto 25.260 Euro (12 mal 2.105 Euro) in der Tasche. 10 Prozent davon sind entsprechend 2.526 Euro. 

Laut dem Kostenvergleichsportal Durchblicker kann man sich durch kluge Wechsel bei Versicherungen, Finanzen, Strom, Gas, Internet und Handy bis zu 3.040 Euro im Jahr sparen. Das entspricht ziemlich genau 12 Prozent des durchschnittlichen Jahresnetto.

 

Exkurs: Ein wilder Vorschlag

Für alle österreichischen Arbeitnehmer hier mein Spezialtrick: Nehmt doch zu euren normalen Sparbemühungen auch noch das Urlaubs- und Weihnachtsgeld in vollem Umfang zum Investieren dazu. Ich weiß, diese Methode kann und wird zu Diskussionen führen. Aber nehmt es bitte als das, was es ist: Ein Vorschlag. Ein potenziell lohnender noch dazu. Warum?

Weil 2/14 – das sind 14,28 Prozent – vom Netto schon einmal zur Verfügung stehen. Tatsächlich ist es durch die bevorzugte steuerliche Behandlung sogar noch etwas mehr. Sagen wir also 15 Prozent.

Ermöglichen die oben angeführten Bemühungen rund um die laufenden Kosten also eine Ersparnis von 12 Prozent und der Sonderzahlungstrick weitere 15 Prozent, kommt man auf eine Sparquote von über 25 Prozent. Und das ohne Wohnsitz oder Auto aufgeben zu müssen.

Jetzt sind 25 Prozent aber keine 50 Prozent. Schon klar. Ab hier ist Geduld gefragt. So könnte man eine Zeit lang jede Gehaltserhöhung in vollem Umfang dafür verwenden, seine Sparquote zu erhöhen.

Kling zu extrem? Okay. Dann nimm von jeder Gehaltserhöhung (oder jedem unerwartet hereinflatterndem Euro) ganz einfach die Hälfte und erhöhe damit deine Sparquote. Dann wirst du die 50 Prozent Sparquote zwar nie ganz erreichen, dich ihr aber im Zeitverlauf immer weiter annähern.

 

Fazit

Für die allermeisten Menschen wird der Traum, die finanzielle Freiheit in absehbarer Zeit zu erreichen, ein solcher bleiben. Es ist schlicht die Sparquote, die das verhindert. Auf die 25 Prozent kann man zwar durchaus relativ schnell kommen, das haben wir feststellen können. Für zusätzlichen 25 Prozentpunkte müssen jedoch (mitunter massive) Abstriche bei Wohnen, Mobilität, Urlaub, Freizeitgestaltung und Ernährung gemacht werden. Und spätestens da hört für viele der Spass auf.

Das mag ernüchternd sein. Es bedeutet jedoch keineswegs, dass man das Ziel aufgeben sollte. Schließlich wartet auf die meisten Menschen eine sich tendenziell immer weiter öffnende Schere zwischen dem, was man vor dem Pensions-/Renteneintritt verdient hat und dem, was man von staatlicher Seite im Ruhestand finanziell erwarten darf.

Schwarz-Weiß-Denken ist unangebracht. Zwischen finanzieller Freiheit und Altersarmut passen sehr viele denkbare finanzielle Zwischen-Szenarien. Und ganz ehrlich: Wenn ich es mir aussuchen kann, dann entscheide ich mich natürlich für jenes Szenario, das der finanziellen Freiheit am nächsten kommt. Auch wenn das bedeutet zuvor über Jahre und Jahrzehnte einen Sparquote zu haben, die viele für nicht möglich halten.

Oder wie es Dave Ramsey so schön gesagt hat:

Wenn du so lebst, wie sonst keiner, wirst du später einmal leben können, wie sonst niemand.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hallo, ich hätte eine Frage zu der Sparquote: zählt nur das Geld dazu, das man monatlich investiert (dazu passt ja die Rendite von 5%) oder der gesamte Betrag, den man monatlich für langfristige Ziele beiseitelegt? Wir sparen z.B. auch auf ein Haus mit Einliegerwohnung.

  2. Hallo Patricia,

    der ganze Artikel (bzw. die Tabelle) ist natürlich bis zu einem gewissen Grade ein theoretisches Gedankenexperiment, das möglichst wenig komplex gestaltet ist.

    In deinem konkreten Fall (Sparen auf ein Haus mit Einliegerwohnung) gelten die Grundannahmen natürlich nicht mehr. Die 5 Prozent kommen zustande, wenn man die langfristige Aktienrendite (von gut 7 Prozent) mit der langfristigen jährlichen Inflation (von rund 2 Prozent) saldiert. Die 5 Prozent sind also der „echte“ Kaufkraftzugewinn.

    Die Preisentwicklung bei Immobilien ist eine andere und geografisch höchst individuell. Hinzu kommt, dass ihr mit der Einlegerwohnung ja auch noch ein Cash-Flow-wirksames Element drinnen habt. Für euch gelten also nicht „nur“ die potenziellen Wertsteigerungen (von denen man bei fairer Bewertung ja ebenfalls die Inflation PLUS die Instandhaltungskosten abziehen muss), sondern auch die Höhe der Miete aus der Einlegerwohnung.

    Wie du siehst, die echte Welt ist sehr komplex. Um die Frage aber kurz zu beantworten: Die 5 Prozent (Kaufkraftwachstumg) pro Jahr, gelten ausschließlich für das investierte Geld.

    lg Michael

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