Achtung: Optimiert ≠ optimal

Verwirrt
Optimiert heißt nicht immer optimal. Gerade in finanziellen Angelegenheiten.

 

Gut reicht schon lange nicht mehr aus. Wir leben in einer Zeit, in der alles immer “besser” sein muss. Oder vielleicht sogar “am besten”. Wenn möglich, dann lieber heute als morgen. Das Konzept der Optimierung ist nachvollziehbar. Es stößt aber an seine Grenzen. Nämlich dann, wenn nicht alles nach Plan verläuft.

 

Wenn uns die Pandemie-Jahre eines gezeigt haben, dann folgendes: “Optimiert” muss nicht immer auch “optimal” heißen. Das haben wir in zahlreichen Industrien erleben müssen, in denen Unterbrechungen in den Lieferketten massive Auswirkungen auf Preise und Wartezeiten hatten.

Am offensichtlichsten war dies wohl in der Automobilindustrie. Aufgrund fehlender Teile (beispielsweise aus China) verzögerten sich die Lieferzeiten bei europäischen Autobauern auf teilweise über ein Jahr. Die Folge: Gebrauchtwagenpreise explodierten förmlich.

 

Lag das an schlechter Planung der Hersteller? Nein. Es lag an zu guter Planung. Alle Prozesse von der Besichtigung über die Bestellung bis zur Auslieferung der Fahrzeuge wurden im Laufe der Jahrzehnte bis ins kleine Detail optimiert. Wie in einem gut geölten Getriebe griff ein Zahnrad ins nächste. Das funktionierte lange Jahre sehr gut. Bis es eben nicht mehr funktionierte.

 

Diesem Thema widmet sich Morgan Housel in seinem neuen Buch Same as Ever (Amazon-Link) in Kapitel 14. Er nennt es “Opfer des eigenen Perfektionismus – Wer ein wenig Unvollkommenheit zulässt, ist enorm im Vorteil”.

 

Verführerisches Optimieren

Doch was hat all das auf einem Blog über persönliche Finanzen zu suchen? Mehr als man auf den ersten Blick erwarten würde. Denn gerade bei den persönlichen Finanzen schwebt das Damoklesschwert der Optimierung ständig bedrohlich über uns.

Warum? Bei Geld geht es am Ende immer um Zahlen. Und die lassen sich nun einmal sehr gut vergleichen. Egal ob Kosten, Zinsen oder Renditen. Vieles wird in Prozenten ausgedrückt. Und je nachdem, von welcher Seite man sich diesem Wert nähert, ist entweder “möglichst gering” (Kosten) oder “möglichst hoch” (Zinsen, Renditen) optimal.

Manchmal ist es einfach. Zum Beispiel, wenn es um den Notgroschen geht. Den sollte man nach Möglichkeit nicht auf dem Girokonto liegen lassen, weil es dort in der Regel 0,0 Prozent Guthabenzinsen gibt.

Man sollte also auf das Direktsparkonto (tägliche Verfügbarkeit!) der Wahl wechseln und dort zumindest ein paar Prozent Rendite rausholen. Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht. Denn einige der aktuellen Top-Anbieter auf diesem Gebiet kommen nicht ohne zumindest einen Haken aus. Beispiele:

 

-) Konditionen gelten nur für Neukunden

-) Konditionen gelten nur zeitlich begrenzt

-) Konditionen gelten nur bis Betrag X

-) Der Anbieter ist nicht steuereinfach (man muss die KESt selbst abführen)

-) Die Konditionen gelten nur, wenn man ein gebührenpflichtiges Premium-Abo abschließt

 

Die Liste ließe sich noch fortführen. Doch darum soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Auch nicht darum, dass man trotz nominaler Renditen von 4 Prozent und mehr bei der aktuellen Inflation immer noch negative Realrenditen (Nominalrendite minus Inflation) hinnehmen muss. 

Es geht um folgende Frage: Warum nicht in renditeträchtigere Anlageformen switchen? Dazu kommen wir jetzt.

 

Ein Puffer ist für Unvorhergesehenes da!

Wie treue Leserinnen und Leser wissen: Es braucht einen finanziellen Sicherheitspuffer. Es muss ausreichend schnell verfügbares Geld für den Notfall da sein. Ob drei oder doch lieber sechs Monatsausgaben, hängt von ein paar Faktoren ab (Jobsicherheit, Anzahl und Art von Einnahmequellen etc.). Wenn man sich in diesem Bereich bewegt, ist man aber bereits auf der sicheren Seite.

Alles was darüber hinausgeht, kann man dann in breit gestreute, kostengünstige Aktien-ETFs auf Buy and Hold Basis stecken. Auf diese Weise erhöht man nachweislich die langfristige Chance auf möglichst hohe Realrenditen.

Das Trügerische daran: Investieren kann (mit Glück) auch kurzfristig funktionieren. Wer die Kursbewegungen in den letzten Wochen und Monaten mitbekommen hat (Stand: Ende Januar 2024), wird durchaus erfreut sein. Ein All-Time-High jagt momentan das nächste – vor allem bei den stark gewichteten US-Aktien. Da kommt man schon ins Grübeln. Versauert mein Geld vom Sicherheitspuffer nicht am Direktsparkonto? Wäre es nicht viel besser, Geld in einem ETF für mich arbeiten zu lassen?

 

Natürlich versauert das Geld am Direktsparkonto. Aber das ist auch gut so. Der Sicherheitspuffer ist nämlich nicht dafür da Realrenditen zu erwirtschaften. Er ist dafür da, dass die eigene Liquidität sichergestellt ist, falls Unvorhergesehenes passiert. Und Unvorhergesehenes ist nun einmal unvorhergesehen.

 

Steckt man das Geld jetzt in einen ETF und passiert ein finanzieller Notfall, hat man ein Problem. Man steht vor der Wahl: Entweder ich überziehe mein Girokonto (schlecht weil sehr teuer) oder ich verkaufe Positionen, die eigentlich für langfristige finanzielle Ziele gedacht sind (ebenfalls schlecht weil es Transaktionskosten verursacht und vor allem einen Tabubruch in Sachen Buy and Hold darstellt).

 

Solide ist besser als perfekt

Das obige Beispiel soll eines hervorheben: Natürlich wäre es langfristig am besten, wenn man möglichst viel Geld in jenen Teil investiert, der für den Vermögensaufbau gedacht ist. Optimal ist das aber nur, wenn alles nach Plan verläuft.

Nach vier Lebensjahrzehnten – davon eines mit Kindern – kann ich aber versichern. Nichts läuft jemals nach Plan. Meistens läuft es besser. Aber manchmal eben schlechter. Und darauf sollte man vorbereitet sein. Das klappt am besten ohne Überoptimierung.

Oder wie Morgan Housel es ausdrückt: 

 

“Puffer gelten oft als Kostenfaktoren, als Belastung, als Ineffizienz. Doch auf lange Sicht können Puffer gewaltige Renditen abwerfen”. 

 

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